Herbert Grönemeyer

1984 hatte Grönemeyer erstaunlicherweise bei einem neuen Label einen Vertrag ergattert. Erstaunlich deshalb, weil er zu diesem Zeitpunkt bereits vier Alben mehr oder weniger erfolgreich in den Sand gesetzt hat. Stattdessen war er als Schauspieler erfolgreich (unvergessen seine Rolle im Erfolgsfilm "Das Boot") und als Theatermusiker am Schauspielhaus Bochum tätig, wo er mit dem großen Peter Zadek zusammenarbeitete. Musikalisch setzte man aber keine allzu großen Hoffnungen in ihn, redete ihm aber auch nicht rein. Das Ergebnis heißt "4630 Bochum" und verändert mit einem Schlag die deutsche Pop-Landschaft. Das Album verkauft sich über 2,5 Millionen Mal, hält sich 79 Wochen in den deutschen Charts und hängt hier sogar Michael Jacksons "Thriller" ab. Das Rolling-Stone-Magazin führt es unter den "50 Ereignissen, die den Rock'n'Roll veränderten".

Pop konnte und wollte damals mehr sein, als nur ein Massen-Sedativ. Grönemeyer gelang es quer durch alle Schichten und Lager kreuzrüber zu begeistern, ein Song wie "Männer" machte damals sowohl in Bahnhofskneipen im Ruhrpott wie in linken, frauenbewegten Kitas Sinn und der Interpret Grönemeyer verkörperte kein Image, sondern blieb als integere, auch politisch engagierte Persönlichkeit greifbar und erlebbar. Grönemeyer muckte auf, mischte sich ein und bezog Stellung, griff zum Beispiel ganz offen die Regierung Kohl an, protestierte gegen und spielte in Wackersdorf - dem politischen Brennpunkt der 80er. Sein Album "Luxus" thematisierte 1991 die kontroverse Befindlichkeit nach der Wiedervereinigung. Von diesem Weg, in seiner Musik auch (gesellschaftliche) Lebenswirklichkeit zu thematisieren, ist Grönemeyer im Prinzip bis heute nicht abgerückt, auch wenn im "liberalisierten" neuen Jahrtausend oftmals versucht wurde ihm das Etikett "naiver Gutmensch" aufzudrücken. Grönemeyer blieb eine Stimme, in der sich viele wiederfinden können, weil er ehrlich aus sich heraus für viele spricht.

Über die persönliche Tragödie Grönemeyers, als im November 1998 binnen weniger Tage sein Bruder Wilhelm und seine Frau Anna verstarben, ist alles gesagt. Der Künstler Grönemeyer verarbeitete diese Krise 2002 in seinem persönlichsten und vielleicht besten Album "Mensch" - der Titelsong ist bis heute seine erfolgreichste Single, auch ein Beleg für die enge und aufrichtige Beziehung zwischen Grönemeyer und Publikum. Ähnlich introspektiv ist 2007 auch sein bislang letztes Album "12", das aber wieder eher von Optimismus und Lebensfreude geprägt ist. Der Künstler und Musiker Grönemeyer operiert heute in vielen Richtungen, ist immer noch im Aufbruch. Sein aktuellster musikalischer Output ist der Score zu "The American" ein ungewöhnlicher Thriller seines Freundes Anton Corbijn mit George Clooney in der Hauptrolle und ein weltweiter Kinoerfolg - ganz nebenbei ein wirklich guter Film. Und sein eigenes Label Grönland Records ist ein Forum für Künstler wie Philipp Poisel oder William Fitzsimmons, die sich hier auch nachhaltig entwickeln dürfen. Ob dabei mal ein zweiter Grönemeyer rauskommt, ist völlig nebensächlich. Es geht um guten Pop, der unser Leben ein bisschen besser macht - und nicht um Produkte, die einen Produzenten ein bisschen reicher machen. Grönemeyer versteht worum es geht. Wir müssen bloß wieder zuhören. Und die willkommendste Gelegenheit dazu bietet sein aktuelles Album "Schiffsverkehr".

Kategorien/Stichwörter

Kommentare zu Herbert Grönemeyer (0)

Kommentar veröffentlichen
Wir geben deine E-Mail-Adresse an niemanden weiter.
Die Veranstaltung »Herbert Grönemeyer« wurde am Sonntag, den 23. Oktober 2011 von venyoobot eingetragen.